The Pixies – Geschichte, Einfluss, Diskografie

Wenn wir über Bands sprechen, die den Lauf der Musikgeschichte mit einem einzigen Gitarrenakkord in eine neue Richtung gelenkt haben, landen wir unweigerlich bei einer Truppe aus Boston, die lauter war als der Punk und seltsamer als der Pop: The Pixies.

Sie waren die Architekten der „Loud-Quiet-Loud“-Dynamik (Laut-Leise-Laut), die den Sound der gesamten 90er Jahre definieren sollte. Ohne sie hätte es den Grunge, wie wir ihn kennen, vielleicht nie gegeben. Die Pixies mischten brutale, verzerrte Gitarrenausbrüche mit zuckersüßen Pop-Melodien, surrealen Texten über UFOs, biblische Gewalt und Inzest – und schufen damit ein völlig neues Genre. Schnallt euch an, wir tauchen ein in die Geschichte einer der einflussreichsten Indie-Bands aller Zeiten.

Die Geschichte der Band: Von der Zeitungsannonce zum Fax-Split

Gründung und frühe Jahre

Die Geschichte der Pixies beginnt 1986 an der University of Massachusetts Amherst. Die Zimmergenossen Charles Thompson (der sich später Black Francis nannte) und Joey Santiago beschlossen, eine Band zu gründen. Um einen Bassisten zu finden, schalteten sie eine mittlerweile legendäre Annonce in einer Bostoner Musikzeitung. Sie suchten jemanden, dessen Einflüsse von der Hardcore-Punk-Band Hüsker Dü bis zum Folk-Trio Peter, Paul and Mary reichten.

Die einzige Person, die antwortete, war Kim Deal (die damals unter dem Namen Mrs. John Murphy auftrat). Deal brachte kurze Zeit später den Schlagzeuger David Lovering mit in die Band. Das musikalische Umfeld Bostons war zu dieser Zeit eher von College-Rock geprägt, doch die Pixies fielen sofort durch ihre rohe Energie, Black Francis‘ hysterisches Schreien und Kim Deals stoische, treibende Basslinien auf.

Entwicklung des Sounds

1987 veröffentlichte die Band ihre erste EP, Come On Pilgrim, aber es war ihr erstes volles Album im Jahr 1988, das alles veränderte. Für die Aufnahme heuerten sie den berüchtigten Underground-Produzenten Steve Albini an. Er verlieh der Band einen extrem rohen, ungeschliffenen Sound, der sich anfühlte, als würde die Band direkt in deinem Wohnzimmer spielen. Später arbeiteten sie mit dem Produzenten Gil Norton zusammen, der ihrem Sound mehr Struktur und Pop-Sensibilität verlieh, ohne die aggressive Kante zu verlieren.

Wendepunkte, Spannungen und die Auflösung

Pixies - The Night the Zombies Came

Nach dem massiven Kritikererfolg ihrer ersten beiden Alben wuchsen jedoch die Spannungen innerhalb der Band, insbesondere zwischen den beiden kreativen Köpfen Black Francis und Kim Deal. Deal forderte mehr Raum für ihre eigenen Songs, was Francis oft ablehnte.

Der absolute Tiefpunkt und das (vorläufige) Ende kamen 1993. Black Francis verkündete das Ende der Pixies in einem Radiointerview – ohne den Rest der Band vorher zu informieren. Später schickte er Joey Santiago und David Lovering lediglich ein Fax, um die Auflösung formell zu bestätigen. Ein beispielloser und eiskalter Move.

Reunion und aktuelle Situation

Die Legende der Pixies wuchs in den Jahren ihrer Abwesenheit ins Unermessliche. 2004 geschah das Unfassbare: Die Originalbesetzung fand sich für eine gigantische, weltweit ausverkaufte Reunion-Tour zusammen (unter anderem als Headliner beim Coachella Festival). Die Magie hielt jedoch nicht ewig in Originalbesetzung an. 2013 verließ Kim Deal die Band endgültig. Nach einem kurzen Gastspiel von Kim Shattuck übernahm Paz Lenchantin (bekannt von A Perfect Circle) den Bass und wurde ein festes Mitglied, bis sie 2024 von Emma Richardson abgelöst wurde. Die Pixies touren bis heute unermüdlich und veröffentlichen weiterhin neue Alben.

Learning mit Quiz

Musikalischer Einfluss und Vermächtnis

Wie sehr die Pixies die Musikgeschichte geprägt haben, lässt sich kaum in Worte fassen. Sie nahmen die Attitüde des Punks, die Melodien der 60er-Jahre-Surfmusik und paarten sie mit extremen Dynamikwechseln. Strophen wurden oft nur mit minimalistischem Bass und Schlagzeug geflüstert, bevor der Refrain in einer gewaltigen Wand aus verzerrten Gitarren explodierte.

Diese „Loud-Quiet-Loud“-Formel wurde zur Blaupause für den Grunge und den Alternative Rock. Das prominenteste Beispiel für ihren Einfluss kommt von Kurt Cobain selbst. Über den größten Nirvana-Hit sagte er einmal:

„I was basically trying to rip off the Pixies. I have to admit it. When I heard the Pixies for the first time, I connected with that band so heavily that I should have been in that band—or at least a Pixies cover band.“

Neben Nirvana beriefen sich auch Bands wie Radiohead, The Smashing Pumpkins, Blur und Weezer massiv auf die Pixies. Sogar Pop-Ikone David Bowie bezeichnete die Musik der Pixies als „die überzeugendste Musik der gesamten 80er Jahre“. Sie ebneten der Independent-Musik den Weg in den Mainstream, ohne sich jemals selbst zu verkaufen.

Wichtige Diskografie

Wenn ihr noch nie Pixies gehört habt, müsst ihr hier anfangen:

  • Surfer Rosa (1988): Produziert von Steve Albini. Ein raues, wildes Meisterwerk. Die Gitarren schneiden wie Rasiermesser, die Drums klingen gigantisch. Enthält den Jahrhundert-Song Where Is My Mind?.
  • Doolittle (1989): Das wohl wichtigste Album der Band. Produziert von Gil Norton. Es ist zugänglicher als der Vorgänger, aber thematisch extrem düster. Ein perfekter Spagat zwischen Pop und Wahnsinn. Enthält Hits wie Debaser und Monkey Gone to Heaven.
  • Bossanova (1990): Hier drängt der Surf-Rock-Einfluss stark in den Vordergrund. Black Francis singt viel über Aliens, Raumfahrt und Science-Fiction. Ein sphärisches und unterschätztes Album.
  • Trompe le Monde (1991): Das letzte Album vor dem Split. Es ist wieder deutlich härter, fast schon Heavy Metal an einigen Stellen, und strotzt vor zynischer Energie.

Top 5 YouTube-Videos

Auf dem offiziellen YouTube-Kanal der Band (PixiesOfficial) finden sich die wichtigsten visuellen Dokumente ihrer Karriere. Hier sind die fünf essenziellsten Videos, die man gesehen haben muss:

Where Is My Mind? (Official Lyric Video)

Auch wenn es zu Lebzeiten der Originalband kein „echtes“ offizielles Musikvideo zu diesem Song gab, dominieren die offiziellen Uploads dieses Tracks den Kanal. Der Song wurde durch die Schlussszene des Films Fight Club (1999) unsterblich und ist das absolute Aushängeschild der Band. Das animierte Lyric-Video fängt die surreale Stimmung perfekt ein.

Here Comes Your Man (Official Video)

Ein seltener, fast reiner Pop-Song der Band. Im Video nimmt die Band das Konzept des „Lip-Syncing“ (Playback-Singen) auf die Schippe. Black Francis und Kim Deal machen sich nicht einmal die Mühe, ihre Münder synchron zum Text zu bewegen. Reine Punk-Attitüde im Pop-Gewand.

Debaser (Official Video)

Ein wilder, energetischer Ritt. Der Song ist eine Hommage an den surrealistischen Film Ein andalusischer Hund (Un Chien Andalou) von Luis Buñuel und Salvador Dalí („Slicing up eyeballs“). Das Video fängt die unbändige Live-Energie der Band in grobkörniger Ästhetik perfekt ein.

Velouria (Official Video)

Ein faszinierendes „Anti-Video“. Anstatt ein teures Musikvideo zu drehen, filmte man die Band einfach dabei, wie sie einen steinigen Abhang in einem Steinbruch hinunterläuft. Dieses nur wenige Sekunden kurze, rohe Filmmaterial wurde dann in extremer Zeitlupe verlangsamt, sodass es exakt die Länge des Songs hat.

Monkey Gone to Heaven (Official Video)

Einer der ersten Songs der Band mit Gastmusikern (Cellisten). Das Video zeigt die Band in Schwarz-Weiß auf einer Bühne, unterbrochen von mystischen und leicht verstörenden Einblendungen. Der Song thematisiert Umweltverschmutzung und biblische Numerologie („If man is 5, then the devil is 6, then God is 7“).

Pixies TOP 10

Playlist: Pixies TOP 10

Künstlerische Kollaborationen und Besonderheiten

Das Gesamtkunstwerk „The Pixies“ bestand aus mehr als nur Musik.

Vaughan Oliver und 4AD: Die Band stand bei dem legendären britischen Independent-Label 4AD unter Vertrag. Die visuelle Identität der Pixies wurde fast im Alleingang von dem genialen Grafikdesigner Vaughan Oliver erschaffen. Seine Albumcover – ob das provokante Flamenco-Tänzerin-Foto auf Surfer Rosa oder der mysteriöse Affe auf Doolittle – verbanden Makabres mit Ästhetik und gaben der Band einen unverwechselbaren Look.

Surrealismus und „Spanglish“: Black Francis verbrachte einige Zeit als Austauschstudent in Puerto Rico. Das Resultat war, dass er viele Texte zweisprachig (Spanisch und Englisch) verfasste. Thematisch ließ er sich stark vom Surrealismus inspirieren. Die Songstrukturen missachteten oft gängige Pop-Regeln; Takte wurden abgebrochen, Taktarten wechselten abrupt, und Joey Santiagos Lead-Gitarre klang oft absichtlich atonal oder „kaputt“, um Reibung zu erzeugen.

Loudquietloud: A Film About the Pixies

Laut.Leise.Laut: Ein Film über die Pixies

Mythen und Mysterien: The Pixies

1. Was bedeutet eigentlich der Bandname und woher kommt er? Antwort: Gitarrist Joey Santiago blätterte auf der Suche nach einem Bandnamen wahllos in einem Wörterbuch und stieß auf das Wort „Pixies“ – die Definition gefiel ihm sofort. In der englischen Mythologie (besonders in Cornwall und Devon) sind Pixies winzige, etwa 20 cm kleine Fabelwesen mit spitzen Ohren und grüner Kleidung . Sie ähneln Feen oder Kobolden und sind dafür bekannt, leidenschaftlich gerne Schabernack mit Menschen zu treiben . Einer Legende nach sind Pixies eigentlich Druiden, die zur Strafe von Gott geschrumpft wurden, weil sie sich nicht zum Christentum bekennen wollten . Genau diese freche, rebellische und unberechenbare Energie passte perfekt zum Sound der Band!

2. Hat Kurt Cobain „Smells Like Teen Spirit“ wirklich von den Pixies gestohlen? Antwort: „Gestohlen“ ist ein hartes Wort, aber Kurt Cobain hat in einem Rolling-Stone-Interview 1994 unumwunden zugegeben: „Ich habe im Grunde versucht, den ultimativen Pop-Song zu schreiben. Ich habe versucht, die Pixies zu kopieren. Das muss ich zugeben.“ Nirvana übernahmen maßgeblich die berühmte Laut-Leise-Dynamik der Pixies – flüsternde, minimalistische Strophen, gefolgt von extrem lauten, verzerrten Refrains.

3. Haben Black Francis und Kim Deal sich wirklich so sehr gehasst, dass die Band per Fax aufgelöst wurde? Antwort: Leider ja. Obwohl Black Francis (Gesang/Gitarre) und Kim Deal (Bass/Gesang) musikalisch ein absolutes Dreamteam waren, gab es massive Egos-Konflikte. Deal wurde bei den Fans immer beliebter, was Francis offenbar ein Dorn im Auge war. Die Spannungen eskalierten, bis Black Francis 1993 in einem Radiointerview kurzerhand das Ende der Band verkündete – ohne die anderen vorher zu informieren. Kurz darauf schickte er Kim Deal und dem Schlagzeuger David Lovering lediglich ein Fax (!), um die Trennung offiziell zu machen.

4. Handeln die Songs der Pixies wirklich alle von UFOs und biblischer Gewalt? Antwort: Sehr viele davon! Während andere Bands über gebrochene Herzen sangen, war Black Francis besessen von surrealen Themen. Seine Texte wimmeln von Anspielungen auf außerirdisches Leben (wie im Song „Motorway to Roswell“), Inzest, das Durchschneiden von Augäpfeln (eine Hommage an den Surrealismus-Film Ein andalusischer Hund im Song „Debaser“) und extremen biblischen Geschichten.

5. War es Absicht, dass Kim Deal auf dem Kultalbum „Surfer Rosa“ teilweise singt, während sie im Studio redet? Antwort: Ja, und das ist dem legendären Produzenten Steve Albini zu verdanken. Albini war dafür bekannt, die raue, ungeschönte Realität einer Band einzufangen. Am Ende des Songs „Oh My Golly!“ hört man Kim Deal versehentlich und sehr laut über jemanden fluchen. Anstatt diesen „Fehler“ herauszuschneiden, ließ Albini ihn auf der Platte. Solche rohen, ungefilterten Momente machten die Pixies zu echten Ikonen des Underground-Rocks.

Fazit

The Pixies waren zu seltsam für den Mainstream ihrer Zeit, aber zu genial, um ignoriert zu werden. Sie haben bewiesen, dass man musikalisch keine Kompromisse eingehen muss, um eine ganze Generation von Musikern zu inspirieren. Ihre Blaupause der brutalen Dynamikwechsel ist heute ein Standard in der Rockmusik. Wer verstehen will, warum der Alternative Rock der 90er Jahre so klang, wie er klang, muss nur eine Platte der Pixies auflegen. Sie waren und bleiben Pioniere des Krachs.


Nützliche Links

Hier findet ihr alles, um noch tiefer in den Kosmos der Pixies einzutauchen:

Die Pixies im Film | Blow up | ARTE

Vorschau anzeigen↗

Letzte Aktualisierung am 21. März 2026